Wenn Kirschen am Baum bleiben, wird aus dem Preisproblem ein Beschaffungsrisiko
Im Alten Land bleiben Kirschen am Baum, weil sich das Pflücken wirtschaftlich nicht mehr rechnet. Das ist keine norddeutsche Regionalgeschichte und auch keine Fußnote aus der Landwirtschaft. Es ist ein Signal für eine Beschaffungslogik, die im deutschen Lebensmittelhandel lange gut funktioniert hat, unter neuen Bedingungen aber immer fragiler wird.
Die naheliegende Antwort lautet: Dann kommt die Ware eben günstiger aus dem Ausland. Kurzfristig ist das oft richtig. Langfristig sollte der Handel genauer hinschauen.
Deutschland ist bei Obst und Gemüse seit langem auf Importe angewiesen. Bei Obst deckt die heimische Erzeugung nur rund ein Fünftel des Bedarfs, bei Gemüse liegt sie bei knapp 40 Prozent. Gleichzeitig vereinen Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe und Aldi einen überwiegenden Teil des Lebensmittelhandels auf sich. Zusammen kontrollieren sie den überwiegenden Teil des deutschen Lebensmittelmarktes.
Diese Kombination aus hoher Nachfragemacht im Inland und hoher Abhängigkeit von externen Bezugsquellen kann effizient sein. Sie ist aber nicht automatisch auch resilient.
Die günstige Alternative ist nicht automatisch sicher
Der Druck auf den heimischen Obstbau ist real. Lohnkosten steigen, die Ernte ist handarbeitsintensiv und Klimaextreme erhöhen das unternehmerische Risiko. Frühere Blütezeiten machen Obstkulturen anfälliger für Spätfrost. Dazu kommen Hitze, Trockenheit, Starkregen und Hagel. Betriebe investieren deshalb in Frostschutzberegnung, Bewässerung, Wasserspeicher, Hagelnetze und robustere Sorten.
Die Importalternative ist von diesen Risiken aber nicht ausgenommen. Sie verlagert sie nur in andere Regionen und auf längere Lieferketten. Klimawandel, Wasserknappheit, Ernteausfälle und Schädlingsdruck treffen längst auch die süd- und außereuropäischen Anbauregionen, aus denen Obst und Gemüse nach Deutschland kommen.
Dazu kommt der Transport. Frische Ware benötigt verlässliche Routen, Kühlung und Geschwindigkeit. Geopolitische Konflikte, gestörte Seewege und höhere Energiepreise sind bei verderblicher Ware keine Nebensache. Sie können Frachtraten erhöhen, Laufzeiten verlängern und die Kalkulation plötzlich verändern. Die anhaltenden Störungen im Roten Meer zeigen, wie schnell eine als stabil gedachte Route zum Risiko werden kann.
Marktmacht schafft Verantwortung
Dass der Handel Preise und Bedingungen maßgeblich beeinflusst, ist keine ideologische Behauptung. Vier Handelsgruppen dominieren den deutschen Markt. Diese Konzentration stärkt die Verhandlungsmacht gegenüber Erzeuger*innen und Lieferanten erheblich.
Natürlich steht auch der Handel unter Druck. Kund*innen vergleichen Preise, Discounter setzen Signale und die Konkurrenz schläft nicht. Das erklärt die Logik des Preiskampfs. Es entbindet aber nicht von Verantwortung für dessen Folgen.
Wenn regionale Obstbaubetriebe kaum noch kostendeckend produzieren können, verliert der Handel nicht nur einen Lieferanten. Er verliert mittelfristig regionale Bezugsquellen, Sortimentsvielfalt, Wissen und eine Möglichkeit, Risiken näher am eigenen Markt abzusichern. Was heute als optimierter Einkaufspreis erscheint, kann sich später als teuer erkaufte Abhängigkeit herausstellen.
Das Problem wird nicht nach unten gelöst
Im Brandbrief der Obstbauern spielt auch die Forderung nach einer Ausnahme oder Entlastung beim Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte eine Rolle. Die Forderung zeigt, wie groß der wirtschaftliche Druck ist. Als Lösung überzeugt sie trotzdem nicht.
Die Menschen, die Obst bei Hitze, Regen und oft unter schwierigen Bedingungen von Hand ernten, haben in dieser Kette die geringste Verhandlungsmacht. Wenn die Antwort auf ein strukturelles Preis- und Beschaffungsproblem ausgerechnet niedrigere Löhne für sie sind, wird der Druck nur weitergereicht.
Der Handel kann sich an dieser Stelle nicht zurücklehnen. Wer sich auf faire, nachhaltige oder regionale Lieferketten beruft, muss auch die Verteilung der Wertschöpfung und der Risiken in diesen Ketten ernst nehmen. Sonst bleibt Nachhaltigkeit ein Etikett auf einem unveränderten Geschäftsmodell.
Ganzjährige Verfügbarkeit ist gemacht
Der Handel verweist gern auf die Wünsche der Kund*innen. Obst und Gemüse müssten jederzeit verfügbar sein, sonst würden Menschen anderswo kaufen. Das ist nicht falsch. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Die Erwartung an permanente Verfügbarkeit entsteht auch am Regal. Sie wird nicht nur durch das Angebot erfüllt, sondern durch Aktionen, Platzierung und Kommunikation immer wieder bestätigt. Wer bestimmte Früchte zwölf Monate im Jahr als selbstverständlichen Teil des Sortiments anbietet, prägt damit, was Kund*innen für normal halten. Blaubeeren aus Chile, Peru oder Südafrika im Januar sind kein Naturgesetz. Sie sind Ergebnis einer Sortimentsentscheidung.
Dabei gibt es im Handel längst ernsthafte Versuche, es anders zu machen. Rewe verweist auf saisonale Sortimente von Rhabarber im Frühjahr bis Kohl im Winter. Edeka arbeitet mit regionalen Sortimenten und Saisonkalendern. Auch Discounter führen regionale Programme oder zeitlich begrenzte Herkunftsaktionen.
Das Problem ist nicht, dass es diese Initiativen nicht gibt. Das Problem ist ihr Platz im Gesamtbild. Regionalität wird häufig als zusätzliche Wahlmöglichkeit präsentiert, während die Importalternative die selbstverständliche Normalität bleibt. Das regionale Produkt darf mitspielen, die ganzjährige Verfügbarkeit bleibt der Standard.
Dabei gibt es Hinweise darauf, dass Kund*innen offener für eine andere Logik wären, als der Handel oft annimmt. 79 Prozent der Befragten geben an, beim Kauf von Obst und Gemüse auf Saisonalität zu achten; 77 Prozent achten nach eigener Aussage auf regionale Herkunft. Diese Angaben sind kein Freifahrtschein für höhere Preise und keine Garantie, dass am Regal immer regional gekauft wird. Aber sie zeigen: Die Nachfrage muss nicht erst erfunden werden.
Regionalität muss mehr sein als Holzoptik
Die Aufgabe des Handels ist nicht, Kund*innen zu erziehen oder Importware aus dem Regal zu verbannen. Sie liegt aber in einer ehrlicheren Gestaltung von Wahlmöglichkeiten.
Das beginnt bei klarer Herkunft am Regal und verständlicher Saisonalitätskommunikation. Herkunftsangaben sind bei losem Obst und Gemüse grundsätzlich vorgeschrieben. Entscheidend ist aber, ob sie als Pflichtschild untergehen oder ob sie zur echten Orientierung werden.
Es geht weiter mit einer anderen Inszenierung: Regionale Erzeuger*innen sichtbar machen, Verfügbarkeit erklären statt Knappheit zu kaschieren und saisonale Ware nicht zur zweitbesten Lösung neben ganzjähriger Importware machen. Wer im Januar Blaubeeren aus Übersee anbietet, kann zugleich deutlich machen, dass die heimische Saison im Sommer liegt und warum das relevant ist.
Das wäre keine moralische Belehrung. Es wäre gutes Category Management unter veränderten Rahmenbedingungen: Kund*innen Orientierung geben, regionale Lieferbeziehungen absichern und Abhängigkeiten transparenter machen.
Weniger Romantik, mehr Resilienz
Regionalität ist kein Allheilmittel. Nicht jede nahe Produktion ist automatisch ökologisch besser, nicht jeder Betrieb kann oder will direkt vermarkten, und nicht jedes Produkt lässt sich sinnvoll aus Deutschland beziehen. Bananen, Zitrusfrüchte oder viele Winterprodukte wird der Handel weiter importieren.
Aber gerade bei frischem Obst und Gemüse sollte Regionalität nicht nur als Kommunikationsanlass behandelt werden. Sie ist ein Baustein für resilientere Beschaffung. Deutschland kann sich bei Obst und Gemüse nicht vollständig selbst versorgen. Umso wichtiger ist es, die vorhandenen Produktionsstrukturen nicht weiter zu schwächen.
Die Kirschen im Alten Land sind deshalb mehr als ein Preisproblem. Sie zeigen, wie sehr ein scheinbar günstiges System auf stabile Ernten, kalkulierbare Energiepreise, funktionierende Transportwege und darauf angewiesen ist, dass soziale Kosten andernorts oder bei den Schwächsten der Lieferkette hängen bleiben.
Die strategische Frage für den Handel ist nicht, ob regionale Ware aus Solidarität ins Sortiment gehört. Sie lautet: Wie viel Importabhängigkeit kann sich ein hochkonzentrierter Markt bei frischer Ware leisten, wenn Klima, Energie und Geopolitik zugleich unberechenbarer werden?
Wer regionale Produktion nur als nette Ergänzung betrachtet, könnte später feststellen, dass sie ein Teil der eigenen Versorgungssicherheit war.










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