Studie: Konsumenten wollen neue Bezahlverfahren. Wirklich?

/ Lesedauer: 3 Minuten 30 Sekunden
neue Bezahlverfahren

MasterCard hat eine neue Handelsstudie vorgestellt und titelt in der eigenen Pressemeldung dazu „New global retail study reveals consumer demand for new ways to pay“. Dies weckt natürlich meine Aufmerksamkeit, da ich genau das für deutschsprachige Länder vollständig anders sehe. Ganz im Gegenteil warten die Konsumenten gerade nicht auf neue Bezahlverfahren. Einerseits weil insbesondere wir Deutschen nach wie vor Barzahler sind, andererseits weil es nach meiner Ansicht schlicht keinen ausreichenden Mehrwert stiftet, bereits bestehende Bezahlverfahren auf Smartphones abzubilden. Doch zurück zur Studie von MasterCard.

Social Listening

Diese ist auch aus einem anderen Grund interessant. Denn hier hat man, im Gegensatz zu vielen anderen Studien, auf das „Social Listening“ gesetzt und keine gestützte Befragung durchgeführt. Bei einem Social Listening hört man den Konversationen auf verschiedenen Plattformen zu und versucht diese in positiv und negativ einzuteilen, also die Frage zu beantworten, ob die Konsumenten einem Thema aufgeschlossen gegenüber stehen oder eher nicht.

MasterCard hat von Juli 2014 bis Juni 2015 weltweit 1,6 Millionen Social Media Posts (Twitter, Facebook, Instagram, Forums, Weibo (CN), Google+ and YouTube) ausgewertet, die sich um Shopping und Handel drehten. Dies wurde in 61 Märketn in Nord- und Süd-Amerika, Europa, Afrika, Asien und Pacific RIM durchgeführt.

Es wurden sogenannte „Key Trends“ identifiziert (Sicherheit, Bequemlichkeit, Rabatte und Vorteile, Akzeptanz), zu denen die Gespräche beobachtet wurden.

Konsumenten sprechen über neue Bezahlverfahren? Really?

Ein Blick auf die Ergebnisse für Europa bringt folgendes Ergebnis zu Tage:

  • Über Digital Wallets und In-App Payments (93%) wird wohlwollender gesprochen als über kontaktloses Bezahlen (91%)
  • Entertainment und Mode (95%) sind die beiden am häufigsten positiv diskutierten Handelsbereiche

Ich war wirklich erstaunt, denn ich nehme Gespräche auf Social Media Plattformen über neue Bezahlverfahren hier im deutschsprachigen Raum völlig anders wahr. Natürlich sprechen auch Konsumenten darüber, aber es wäre mir neu, dass hier intensive Konversationen stattfinden würden. Ganz anders bei den Payment- Handels- und Banking-Experten und der gesamten Fintech-Branche. Hier hat das Thema Mobile Payment seit Jahren einen hohen Stellenwert und oft werden die Diskussionen sehr emotional geführt.

Dennoch nehme ich an, ohne dass ich es empirisch belegen könnte, dass die meisten Konversationen dazu eher neutral sind. Neutral wird meist dem Attribut „positiv“ zugewiesen, da es ja nicht negativ ist. Soweit würden sich hohe Werte erklären. Aber eben nicht für Konsumenten sondern für Branchen-Insider.

Wichtigste Plattform Twitter? Nicht bei uns.

Ein weiterer Aspekt lässt mich die Interpretation, die MasterCard hier vorgenommen hat, anzweifeln. MasterCard stellte fest, dass Twitter die weltweit am meisten genutzte Social Media Plattform sei, wenn es um Online-Konversationen über Handel und Shopping geht. Das will ich für eine weltweite Betrachtung gar nicht ausschließen.

Aber im deutschsprachigen Raum ist Twitter das Stiefkind der Social Media Plattformen. Von den nur drei Millionen sind lediglich 880.000 aktiv, also weniger als 30 Prozent. Jedes deutsche Twitter-Konto hat im Schnitt 590 Follower und folgt 315 anderen Twitter-Nutzern. Die große Mehrheit (2,4 Mio.) der drei Millionen Konten hat aber nur 0 bis 50 Follower. Account mit 5.000 oder sogar 10.000 Followern sind schon fast jenseits der Nachweisschwelle.

Sich nun schwerpunktmäßig Twitter-Konversationen anzuschauen – was in anderen Ländern/Regionen sehr sinnvoll sein kann – und daraus auch für Europa ein einheitliches „alle wollen mit ihren Smartphones bezahlen“-Motto zu kreieren, ist schon mutig. Vielleicht war dann hier doch eher der Wunsch Vater des (MasterCard)-Gedankens. Für den deutschsprachigen Raum halte ich die Interpretationen von MasterCard für nicht zutreffend.

Entertainment, Mode, Bequemlichkeit, Rabatte

Welchen höheren Erkenntnisgewinn ich aus den Studienergebnissen beziehen soll, dass sich Konsumenten auf Social Media Plattformen, wenn sie über Handel oder Shopping sprechen, über gehörte Musik, den zuletzt gesehenen Film oder Mode austauschen, ist mir nicht ganz klar. Das wissen wir doch auch ohne Studie.

Schauen wir auf die bereits oben erwähnten Key Trends. Hier weist MasterCard etwas detailliertere Zahlen aus. Wir erfahren, dass die Deutschen eher über Bequemlichkeit (33%) und Rabatte (26%) sprechen. Bei den anderen Kriterien erscheint Deutschland nicht unter den ersten fünf. Rabatte hatte ich ja bei einem Volk der Schnäppchenjäger erwartet. Aber auch, dass sich die Menschen mehr über die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit der Verfahren austauschen würden. So erlebe ich die Diskussionen jedenfalls.

Fazit

Ein spannender Ansatz, mit Social Listening die Haltung von Konsumenten zu bestimmten Themen abzufragen. Doch wäre hier weniger vielleicht mehr gewesen. Oder anders ausgedrückt: Da die regionalen/nationalen Unterschiede bei einem Thema wie neue Bezahlverfahren (insb. aus deutscher Sicht) immens sind, hätte man eine solche Untersuchung besser feiner granuliert. So sind die Ergebnisse leider nicht mehr als ein Stirnrunzeln wert. Daher verzichte ich hier auch auf die Abbildung der Infografik, die es von MasterCard dazu noch gibt.

Beitragsbild: Yuriy Trubitsyn

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