Heike Scholz

Innenstadt – Ikea verabschiedet sich vom klassischen Möbelhaus

/ Von Heike Scholz / Lesedauer: 3 Minuten 6 Sekunden
Innenstadt - Ikea

Es raschelte im (Medien-)Blätterwald: Ikea ändert sein Rückgaberecht und nimmt zukünftig gebrauchte Möbel nicht mehr zurück. Gefühlt alle Medien berichteten. Doch viel spannender an den Aussagen von Ikea-Deutschlandchef Dennis Baslev war, dass Ikea sich von den großen Möbelhäusern am Stadtrand verabschiedet und mit zum Teil kleineren Geschäften in die Innenstädte will, Innenstadt-Ikea sozusagen.

In Karlsruhe, wo gerade ein weiteres, großes Möbelhaus entsteht, wird man den Bau noch fertig stellen. Zukünftig wird man bei Ikea aber auf den Online-Handel, zentrale Verteilzentren und Innenstadtfilialen setzen. Zurzeit macht Ikea zwar nur rund sechs Prozent seines Umsatzes online, doch Baslev geht davon aus, dass schon mittelfristig der Anteil auf 25 bis 30 Prozent steigen könne.

Online is King

Ikea arbeitet mit Hochdruck an seinen Online-Präsenzen. Der Online-Shop wird optimiert, insbesondere für die Nutzung mit dem Smartphone. Zwar verzeichnete der Shop im ersten Quartal 2018 rund 46 Millionen Visits und gehört damit zu den zehn reichweitenstärksten Online-Shops in Deutschland, doch es ist noch Luft nach oben.

Neue Apps werden entwickelt, um Technologien wie Augmented Reality optimal nutzen zu können. Kunden können so die Möbel in ihren eigenen Räumen „testen“ und sie mit der App und dem Smartphone in ihren Räumen aufstellen. Natürlich können die Möbel dann auch gleich bestellt werden.

Auch Instagram wird von Ikea massiv ausgebaut. Hier sollen Wohnbeispiele gezeigt werden, die ebenfalls sofort bestellt werden können.

Geschwindigkeit zählt

Ziel des Umbaus sei es, dass die Filialen für alle Kunden innerhalb von 15 bis 20 Minuten erreichbar sind. Das ist mit den bisherigen Häusern in Stadtrandlage nicht möglich, braucht hier der Kunde doch im Schnitt 50 bis 60 Minuten und meist auch ein Auto.

In die über Deutschland verteilten Verteilzentren investiert Ikea bis zu 400 Millionen Euro. Auch hier geht es um Geschwindigkeit. In großen Städten und Ballungszentren will Baslev innerhalb von drei Stunden liefern können, spätestens jedoch am nächsten Tag. Heute brauchen die Lieferungen noch fünf bis sechs Tage. „Das können wir einem Online-Kunden heute aber nicht mehr vermitteln,“ so Baslev.

Die Filialen in den Innenstädten sollen nicht dem ersten Versuch in Hamburg-Altona folgen. 2014 eröffnet, ist dies eine klassische Ikea-Filiale, nur innerhalb der Stadt. Zu viele Parkplätze, die nicht genutzt werden und ein überdimensioniertes Warenlager waren Fehlplanungen, die nicht wiederholt werden sollen.

Globale Marke mit lokalen Schwerpunkten

Baslev führt weiter aus, dass sich die Häuser je nach Lage unterscheiden werden, da die Kunden verschiedene Anforderungen hätten. In Berlin seien die Kunden eher jung und lebten in kleineren Wohnungen, hätten nicht so viel Geld und meist kein Auto. Günstige Produkte und ein guter Lieferservice stünden hier im Fokus.

Hingegen wäre in München der Altersschnitt höher, Haus oder Wohnung ebenso wie die Kaufkraft größer. Hier setzt man auf Designer-Kollektionen und Montageservices.

Es wird also von Ikea in den Innenstädten sowohl große Filialen geben, die anders als die heutigen gestaltet sein werden. Aber auch kleine Showrooms und Popup-Stores, wie sie Ikea bereits in Madrid, Stockholm und Kopenhagen testet.

Damit krempelt Ikea seine Ausrichtung vollständig um und zeigt, welchen Einfluss Digitalisierung und Online-Handel auf bisherige Strukturen, Geschäftsmodelle und die Kundenausrichtung hat.

Es geht nicht mehr um Warendruck oder die Rolle eines Vollsortimenters in den Filialen. Es geht um eine regionale Ausrichtung auf die jeweilige Kundschaft, um Markenpräsenz und Kundenbindung. Nicht mehr darum, dass jeder Kunde in jeder Filiale jedes Produkt ansehen und kaufen kann.

Erlebniseinkauf für Innenstädte

Für die Innenstädte sind Marken wie Ikea Gold wert. Locken sie doch Menschen in die City und nützen so auch den anderen Händlern vor Ort.

In Gesprächen und Diskussionen in Social Media wurde deutlich, dass für viele Menschen der Besuch bei Ikea ohnehin eher ein Erlebnis ist, das mit einem Besuch im Restaurant, also mit Pölser und Köttbullar verbunden wird.

Kein Wunder, dass Ikea laut Angaben des Branchenverbands Dehoga zu den zehn größten Systemgastronomen in Deutschland gehört und mehr Umsatz mit seinen Restaurants macht (230 Mio. Euro 2017) als Vapiano oder Starbucks.

Innenstädte können sich also freuen, wenn Ikea bei ihnen einzieht. Wir freuen uns darauf, häufiger davon berichten zu können, dass Händler in die Innenstädte ziehen. Das ist viel schöner als anders herum.

Beitragsbild: Ikea – Stock Photo – FotograFFF/Shutterstock

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