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Heike Scholz

Agentic Commerce 2/10 – Maschinen als Käufer im digitalen Handel

9. Dezember 2025 / Von Heike Scholz / Lesedauer: 4 Minuten 0 Sekunden
agentic commerce

Agentic Commerce verändert die bisherige Handelslogik grundlegend. Lange war der Handel auf menschliche Entscheidungen ausgerichtet. Sortimente, Werbung und digitale Oberflächen zielten darauf ab, dass Menschen auswählen, vergleichen und kaufen. Diese Logik gerät ins Wanken. Mit der Verbreitung leistungsfähiger KI-Agenten entsteht eine neue Form von Kundschaft: Systeme, die im Auftrag von Menschen agieren und Kaufentscheidungen vorstrukturieren.

Agentic Commerce: Wandel auf der Käuferseite

Agentic Commerce wird zunehmend in der Praxis sichtbar. Walmart nutzt einen KI-gestützten Einkaufsassistenten, der Rezepte analysiert, Einkaufslisten erstellt und passende Produkte vorschlägt. Plattformen wie Etsy und Shopify integrieren KI-Agenten wie den ChatGPT-Kaufagenten, der Nutzerinnen und Nutzer direkt im Chat bei der Produktauswahl unterstützt und mit „Instant Checkout“ Bestellungen ohne Plattformwechsel ermöglicht. Diese Entwicklungen zeigen, wie KI-Agenten im Auftrag der Konsumenten eigenständig den Kaufprozess steuern.

KI-Agenten übernehmen mehrere Schritte im Kaufprozess

KI-Agenten entlasten Verbraucher, indem sie verschiedene Schritte beim Shopping übernehmen. Sie wählen passende Produkte aus, prüfen verfügbare Budgets, berücksichtigen Vorräte oder Mengenbedarf, treffen Entscheidungen zu Produktvarianten und füllen den Warenkorb effizient. Dabei integrieren sie auch Lieferoptionen wie Versandkosten und Lieferzeiten. So vereinfachen sie das Shopping, beschleunigen es und passen es zielgenau an individuelle Bedürfnisse an.

Business-to-Machine: Neue Form der Kundschaft

Agentic Commerce zeigt sich als Business-to-Machine, kurz B2M. Händler richten sich nicht mehr ausschließlich an Menschen, sondern auch an Systeme, die Kaufentscheidungen vorbereiten. Diese KI-Agenten reagieren nicht auf emotionale Signale oder Markenwelten. Wo früher Storytelling wirkte, zählen heute messbare Kriterien wie Preis, Lieferzeit, Produktqualität, Bewertungen und Nachhaltigkeit. Menschen formulieren Ziele, Agenten setzen sie automatisiert um.

Diese Käufergruppe entscheidet streng datenbasiert und priorisiert klar definierte Kriterien. Im Unterschied zum Menschen sind KI-Agenten frei von emotionalen, sozialen oder situativen Zwischenschritten. Sie wägen nicht subjektiv ab, kennen keine Zweifel, Stimmungen oder Verhandlungen. Stattdessen optimieren sie Prozesse effizient und regelbasiert.

Schnelle Verbreitung und Auswirkungen auf Unternehmen

Der Einsatz von KI-Agenten im Kaufprozess verbreitet sich schnell. Neben Walmart, Etsy und Shopify setzen viele weitere Plattformen KI-Assistenzsysteme ein, die alle Stufen des digitalen Kaufprozesses abdecken. Sie reichen von der Produktsuche über die Entscheidungsfindung bis zum Warenkorbaufbau und zur Nachoptimierung. Diese Systeme erkennen Produktabhängigkeiten, bewerten Alternativen und vereinfachen komplexe Entscheidungen.

Für Unternehmen bedeutet dies: Sie müssen nicht nur für Menschen, sondern auch für Maschinen, die bereits Filter- und Vorauswahlprozesse übernehmen, sichtbar sein.

Algorithmische Entscheidungsräume und Bedeutung von Datenqualität

KI-Agenten arbeiten auf Basis definierter Regeln wie Budgetgrenzen, Qualitätsstandards, Markenpräferenzen und Nachhaltigkeitskriterien. Sie analysieren Produktverfügbarkeiten, Lieferoptionen und Preisentwicklungen. So strukturieren sie Informationen, die Kund*innen bisher selbst verarbeiten mussten.

Dies führt zu einem nüchternen, datenbasierten Entscheidungsumfeld, in dem Agenten effizient prüfen, vergleichen und priorisieren, frei von emotionalen Einflüssen. Maßnahmen wie Produktinszenierungen, emotionales Storytelling oder eine einladende Atmosphäre gewinnen in den späteren Phasen der Customer Journey an Bedeutung, wenn Kundinnen und Kunden ihre Vorauswahl verfeinern. Diese Maßnahmen kommen schlimmstenfalls jedoch zu spät, da viele Kaufende bereits den Empfehlungen der KI-Agenten gefolgt sind und ihre Entscheidung getroffen haben.

Agenten benötigen Zugang zu gut strukturierten Produktdaten über APIs. Plattformen etablieren Standards für kontrollierte Interaktion. Der Walmart-Shopping-Agent „Sparky“ nutzt etwa strukturierte Datenfeeds, die Produktattribute, Allergene, Gewichte und Bestände enthalten. Händler müssen Produktdaten vollständig, klar und konsistent pflegen. Fehlende oder unklare Daten führen zum Ausschluss aus der maschinellen Vorauswahl, da Agenten unstrukturierte Inhalte nicht interpretieren können.

Dreifacher Wandel im Kaufprozess

Der Wandel vollzieht sich auf drei Ebenen: Erstens verlagert sich die Entscheidungslogik zeitlich nach vorn. KI-Agenten treffen Vorauswahlen lange bevor Verbraucher aktiv werden. Dadurch verlieren klassische Traffic-Kanäle wie Suche oder Browsing an Relevanz, weil die Vorauswahl schon algorithmisch erfolgt. Unternehmen müssen neue Wege finden, bereits im Vorfeld präsent und relevant zu sein.

Zweitens übernehmen Plattformen zunehmend die Kontrolle über den Zugang und die Nutzung von Agenten. Über APIs und Compliance-Regeln definieren sie, welche Produktdaten und Informationen Agenten nutzen dürfen. Händler sind verpflichtet, diese technischen und inhaltlichen Anforderungen zu erfüllen, um sichtbar zu bleiben. Die Steuerung durch Plattformen gewinnt dadurch stark an Bedeutung.

Drittens wachsen Marketing und Beschaffung enger zusammen, weil sich die Nachfrage durch die datenbasierten Entscheidungen der Agenten verändert. Marketing beeinflusst dabei nicht nur die emotionale Ansprache der Menschen, sondern muss eng mit Category Management und Produktmanagement zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass beworbene Produkte auch datenqualitativ und verfügbar den Kriterien der Agenten entsprechen. Diese enge Verzahnung führt zu einer neuen Wettbewerbsdynamik, in der Händler Menschen und Maschinen zugleich adressieren müssen.

Strategische Doppelperspektive für Unternehmen

Agenten ersetzen keine Kundschaft, verlagern die Kaufentscheidungen jedoch auf zwei Ebenen. Die Herausforderung für Unternehmen liegt darin, beide Ebenen zu bedienen: Menschen mit dem passenden Sortiment, Kontext und Einkaufserlebnis und der Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Maschinen mit Datenqualität, nachvollziehbaren Kriterien und Zuverlässigkeit. Einseitige Optimierung führt zu Sichtbarkeitseinbußen bei Agenten oder Relevanzverlust bei Menschen.

Agentic Commerce ist Realität

Agentic Commerce ist keine Vision, sondern die logische Folge technischer Entwicklung und Plattformstrategien. Maschinen sind zur neuen Form der Kundschaft geworden, weil sie Kaufentscheidungen vorbereiten und strukturieren. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, Daten perfekt bereitzustellen und ihre Rolle als Problemlöser, Vertrauenspartner sowie Serviceanbieter konsequent auszubauen.

Im nächsten Teil der Serie wird es um die neuen Rollen von Handelsunternehmen gehen.

Die Serie im Überblick

  1. Die unsichtbare Disruption: Warum Amazon gegen Perplexity klagt
  2. Maschinen als Käufer im digitalen Handel
  3. Wenn KI die Beratung übernimmt
  4. Verändertes Konsumverhalten durch KI-Agenten
  5. Buyer Personas 2.0: Strategische Schlüsselressource
  6. Sichtbarkeit im Agentic Commerce: Datenqualität als Wettbewerbsvorteil
  7. Personalisierung neu gedacht: Mensch und Maschine im Zusammenspiel
  8. Geschäftsmodelle im KI-Zeitalter: Wer überlebt?
  9. Überlebensstrategien: lokal, nischig, community-getrieben
  10. Werbung ohne Menschen: KI-Agenten gestalten den Markt neu

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Heike ScholzZur Transparenz: Ich nutze KI-Werkzeuge für Strukturierung und erste Entwürfe. Die fachliche Einordnung, die Ausarbeitung des Inhalts und die finale Fassung liegen vollständig in meiner redaktionellen Verantwortung.

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Kategorie: Innovation & Trends
Schlagworte: Buyer Personas, Community, E-Commerce, Kaufentscheidung, KI, Marketing, Nachhaltigkeit, Personalisierung, Plattform, Touchpoints
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