Frank Rehme

Trendwatch #1: Autonomes Fahren

/ Von Frank Rehme / Lesedauer: 4 Minuten 8 Sekunden
Autonomes Fahren

Zukunft des Einkaufens stellt in dieser Reihe regelmäßig Trends vor, analysiert diese und beleuchtet die Relevanz für verschiedene Branchen. Heute im Focus:

Autonomes Fahren aus Branchensicht

Auch wenn der jetzige VW Vorstandsvorsitzende Matthias Müller vor 12 Monaten noch der Meinung war,  dass „das autonome Fahren nur einen Hype darstellt, der durch nichts zu rechtfertigen ist“, arbeiten viele Unternehmen trotzdem mit Hochdruck an der Technologie. Seit vielen Jahren vertrauen Milliarden Menschen Transportfahzeugen, die fast ausschließlich autonom von A nach B fliegen – Flugzeugen. Genauso vertrauen wir OP-Robotern, die komplexe Gehirnoperationen präziser durchführen, als der beste Chirurg. Der Weg zum Automobil ist da nicht mehr weit. Die Diskussion über die Sicherheit erinnert sehr stark an die Ursprünge des Automobils: Ärzte warnten damals davor, das der Körper Geschwindigkeiten über 30 km/h nicht ohne Schaden über längeren Zeit aushalten kann.

Was bedeutet dieser Trend aber generell für die Branchen?

Branchenview 1: Automobilindustrie

Die durchschnittliche Jahresfahrleistung eines PKW beträgt ca. 15.000 km. Nimmt man eine in dieser Zeit erreichte Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h an, so ergibt sich eine reine Betriebszeit von 15,6 Tagen. Umgekehrt: über 349 Tage steht das Fahrzeug ungenutzt. Es gibt sicherlich kein Investitionsgut in der deutschen Wirtschaft mit einer derart niedrigen Nutzungsrate. Das wird immer mehr Menschen klar, besonders in Verbindung mit den Trends der Urbanisierung und der Sharing Economy. Viele Menschen in Großstädten verzichten aufs Auto. Im Bedarfsfall bedienen Sie sich bei Car-Sharing Anbietern. Der Absatz an klassischen Fahrzeugen wird sicherlich sinken. Die Nachfrage ist bereits dabei sich zu verschieben von Besitz hin zur Beförderungsleistung. Das haben die großen Automobilhersteller erkannt und entwickeln sich immer mehr zu Mobilitätsdienstleistern. Mercedes hat in dieser Absicht sein Engagement bei Car2Go/Moovel und MyTaxi intensiviert. In Summe werden durch autonomes Fahren weniger Fahrzeuge verkauft, im PKW wie auch im Nutzfahrzeugbereich.

Branchenview 2: Logistik

In der Logistikbranche werden sich neue Perspektiven auftun: Die ersten autonomen LKWs sind zukünftig im Linienverkehr unterwegs. Die Strecke Hamburg-München z.B. wird dann bevorzugt zu verkehrsärmeren Zeiten befahren. Die Trucks sind dann sogar rund um die Uhr unterwegs, denn der Computer braucht keine Ruhezeit. Daher wird auch ein anderes Preisgefüge Einzug halten, denn die bisherigen Kalkulationsparameter habe dann ihre Gültigkeit verloren. Die Auslastung der Investitionsgüter steigt um 100%. Dadurch verringert sich die Abschreibung für die Anlagegüter um die Hälfte. Vereinfacht: Die halbe Anzahl der LKWs transportiert nun die gleiche Menge und mehr.

Branchenview 3: Digitalbranche

Für die Unternehmen, die sich mit Security im Digitalbereich beschäftigen, erschließen sich vollkommen neue Aufgabenbereiche. Sie werden ein Herzstück der Sicherheit auf unseren Straßen bilden, denn nichts ist schlimmer als ein gehacktes Automobil ohne Fahrer. Zudem werden sich neue Services im Bereich der Statussymbole entwickeln. Ein Szenario kann z.B. sein: Wenn ich bei meinem autonomen Auto das Programm „Premium“ (natürlich gegen Aufpreis) auswähle, habe ich immer Vorfahrt gegen die im „Standard Modus“ Fahrer.

Branchenview 4: Taxibranche

Das autonomes Fahren eine komplette Veränderung der Branche mit sich bringt, liegt auf der Hand, diese Evolution ist auch normal. Schließlich haben die motorisierten Taxis vor vielen Jahren auch die Pferdedroschke abgelöst. Aber es ergeben sich auch neue Perspektiven: Wem gehören die Fahrzeuge eigentlich? Enstehen da nicht komplett neue Wettbewerbsmodelle? Wenn die Branche schnell genug reagiert überlässt sie den Kuchen nicht den großen Marktspielern.

Branchenview 5: Öffentlicher Personennahverkehr

Autonom fahrende Car-Sharing Modelle sind der beste Weg zu einem Hochleistungs-ÖPNV, der zu einer Steigerung der Attraktivität des PKW führt. Komplett autonom fahrende Fahrzeuge (aber auch bereits Fahrzeuge, die z. B. auf Autobahnen autonom fahren können) werden die bestehenden Geschäftsmodelle der ÖPNV-Unternehmen unter starken Druck setzen oder sogar gänzlich in Frage stellen. Einzug hält der bequeme Door-to-Door Verkehr: telefonieren, schlafen, online surfen. Alles ist dann während der Fahrt möglich. Am Ziel angekommen, fällt sogar die Parkplatzsuche weg. Der heutige USP des ÖPNV geht verloren.

Branchenview 5: Kommunen und Verkehrsplaner

Erste Analysen zeigen auf, dass bei einem weitreichenden Einsatz von autonomen Fahrzeugen nur noch 10% der urbanen Autoflotte notwendig sind. Die Flächeneinsparungen für den ruhenden Verkehr sind enorm, es ergeben sich neue Chancen für Raumplaner und Stadtentwickler. Allerdings sinkt natürlich nicht der individuelle Beförderungsbedarf: Die PKW-Fahrleistung steigt drastisch bis zu 100%, u. a. weil Verkehr vom ÖPNV auf das Auto verlagert werden. In Summe weniger Autos, aber dafür noch mehr Autoverkehr.

Branchenview 6: Retail

Für den Handel ergeben sich durch autonomes Fahren viele Chancen, bei keinen erkennbaren Risiken: Die Letzte Meile wird sich verändern. Ein Lieferservice kommt genau dann, wenn der Kunde ihn braucht. Die vielen Drive-In und Pick-up Formate sowie Delivery-Services haben einen neuen Kanal: Der Kunde bestellt und kann die Order auf ein Zeitfenster von 15 Minuten terminieren – mit klassischer Logistik ist das nicht zu schaffen.

Für den stationären Bereich ergibt sich ein neuer Service: Einkaufen fängt beim Kunden vor der Haustür an. Der Transport zum Store gehört zukünftig zum Einkaufserlebnis. Während der Fahrt hat man genug Möglichkeiten den Kunden auf seinen Shoppingtrip vorzubereiten. Einmal angekommen entfällt jede Parkplatzsuche, die Parkhäuser der Einkaufstempel sind neue Showrooms oder Erlebnisräume.

Branchenview 7: Versicherungen

Vom B2C zum B2B: Das Geschäftsmodell der Kfz-Versicherungen steht vor deutlichen Veränderungen. Die individuelle Versicherung von Kunden gegen menschliches Versagen liegt nicht mehr im Fokus, denn zukünftig liegt das Augenmerk auf der Versicherung weniger Autohersteller sowie Flottenorganisationen gegen technisches Versagen der Fahrzeuge.

Man sollte den Begriff der industriellen Revolution nicht überstrapazieren, darum werde ich ihn auch nicht für dieses Beispiel benutzen. Es ist aber eine Revolution im individuellen Verkehr und der Logistik, da sind wir uns alle einig.

Sicherlich gibt es noch viele Bereiche, die ich bisher nicht auf dem Radarschirm habe. Daher freue ich mich, wenn in den Kommentarspalten weitere Einflussparameter verfasst werden. Jeder Leser wird sich über weitere Inspirationen freuen. Es bleibt also spannend!

Foto: Google

Zum Schluss noch ein Expertengespräch zu diesem Thema:

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