Nur Bares ist Wahres?

Pro und Contra zur Abschaffung des Bargeldverkehrs

In Schweden verschwindet es bereits, jetzt macht sich auch die Bundesregierung auf die Reise Obergrenzen für den Einsatz von Bargeld für Zahlungen festzulegen, entweder als europäische Entscheidung sonst auch im Alleingang. Wobei Alleingang hier relativ ist, denn tatsächlich haben bereits viele europäische Staaten defacto eine Obergrenze eingeführt. Was hier also noch emotional geführte gesellschaftliche Diskussion ist, ist bereits seit langem in anderen europäischen Staaten Fact. So liegt in Frankreich und Portugal die Obergrenze für finanzielle Transaktionen mit Bargeld bei 1000 €, in Polen bei 15.000€.
Der deutsche Verbraucher jeden Fall steht dem kritisch gegenüber, während der deutsche Einzelhandel nach kreativen Konzepten sucht um die Kosten für Bargeldhandling zu reduzieren.

Anlass für uns Expertenmeinungen zur Begrenzung oder Abschaffung des Bargeld einzuholen. Frank Rehme und Kathrin Mussmann haben mit uns die Diskussion geführt.

Pro

Frank Rehme

F. Rehme

Wem nützt heute noch Bargeld? Die Antwort ist aus rationaler Sicht nicht mehr zu beantworten. Die Business-Bereiche, die am Meisten vom Bargeld profitieren, sind oft krimineller Natur. Schattenwirtschaft, Geldwäsche und sogar das Erpressen von Lösegeld wird durch Bargeld nur möglich.Allein die Schattenwirtschaft hat jedes Jahr (und nur in Deutschland) ein Volumen von über 350 Mrd €. Geld, das unversteuert fließt und nicht für gesellschaftliche Aufgaben eingesetzt wird. Die Transfers in Steuerparadiese und Geldwäschen aus kriminellen Geschäften sind darin noch nicht einmal enthalten. Zudem ist Bargeld ein großer Wertevernichter: Bargeldentsorgung (oder auch Cash Handling genannt) ist ein enormer Kostenfaktor, der Wertschöpfung vernichtet und ein hohes Verlustrisiko beinhaltet.
Jede Branche ist von dieser Wertevernichtung betroffen:

  • Handel: Zinsverluste, Aufwand am PoS durch aufwendigere Kassenprozesse, hohe Infrastrukturkosten im Backoffice durch Sicherheitssysteme, Kosten für Werttransportunternehmer, Versicherungskosten, allgemeine Cash-Handling Überwachung.
  • Bundesbank: Produktionskosten, aufwändige Distribution.
  • Banken: Cash-Handling und Processing, Versicherungskosten, Zinsverluste und Kosten für Werttransportunternehmer.
  • Bürger: Aufwand für die Beschaffung, Zinsverluste.

Das Steinbeis Research Center for Financial Services hat 2013 in einer Cost of Cash Studie folgende Kosten der Bargeldnutzung ermittelt:

  • Volkswirtschaftliche Kosten: 8 Mrd. €/a
  • Privatwirtschaftliche Kosten: 12 Mrd. €/a
  • Bargeldkosten für den Bankensektor: 4,5 Mrd. €/a
  • Bargeldkosten Handel: 7 Mrd. €/a
  • Die pro Kopf-Kosten des Bargeldsystems für unsere Bürger belaufen sich auf 150,- Euro pro Jahr.

Letztendlich kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die volkswirtschaftlichen Kosten von Kartenzahlungen deutlich geringer sind. Die Abkehr vom Bargeld könnte die Kosten der Schattenwirtschaft um 35 Mrd. Euro jährlich reduzieren. Das Ende vom Bargeld könnte zudem die Steuereinnahmen des Staates deutlich erhöhen und die Sozialsysteme stärken.

Natürlich besteht die Befürchtung das Handelsumsätze darunter leiden könnten – tatsächlich aber zeigen Beispiele aus Staaten wie Frankreich und auch Schweden, dass dies nicht der Fall ist. Der Verbraucher gewöhnt sich recht schnell daran und Umsatzeinbussen hat selbst der Luxushandel in Frankreich nach der Einführung der 1.000€ Obergrenze für Bargeldtransfer  nicht verzeichnet.

Denn  warum wurde Bargeld überhaupt erfunden? Die ursprüngliche Aufgabe war ebenfalls eine rational begründete: Eine Alternative zum Tauschhandel zu finden, der seinerzeit immer aufwendiger wurde. Mit der Einführung der elektronischen Transferwährungen ist diese Aufgabe überflüssig geworden, es dauert nur recht lange, die Menschen neu zu konditionieren. Aber es macht Sinn!

Contra

Kathrin Mussmann

K. Mussmann

­­­Ist der Wunsch nach Privatsphäre und Wahlfreiheit der Zahlungsmittel irrational? Die Angst vor dem kriminellen Missbrauch wird von vielen Befürwortern gern als Argument herangezogen. Zum einen aber ist es doch sehr fraglich, ob eine Begrenzung oder Abschaffung von Bargeld die Phantasie von Kriminellen wirklich aushebeln würde. Zum anderen müssen wir uns gerade in diesen Tagen beantworten, wieviel Freiheit wir bereit sind dafür zu opfern, dass Menschen diese zu kriminellen Zwecken ausnutzen.

Nach einer Studie der Bitcom (www.bitkom.org) bevorzugen zwei Drittel der Deutschen eine Bezahlung mittels Bargeld. Als Grund wird dabei oft angegeben, „dass sie ihre eigenen Finanzen so besser kontrollieren könnten“. Wenn sich also zwei Drittel unserer Gesellschaft die Freiheit nehmen, selbstbestimmt mit Ihrem Geld zu wirtschaften, dann ist es nicht an der Zeit, dieses Zahlungsmittel abzuschaffen.

Es gibt aber auch zahlreiche andere Argumente, die gegen die Abschaffung des Bargeldes sprechen:

  • Die Erfahrungen mit Geld in der Kindheit haben einen direkten Einfluss auf das spätere Finanzverhalten. Digitale Transaktionen können von kleinen Kindern nicht greifbar als Geldwerte erkannt und eingeschätzt werden. Oder können Sie sich die Anekdoten vom ersten Bonbon-Kauf ohne Bargeld vorstellen?
  • Der Trend nach immer jüngeren Schuldnern könnte weiter negativ beeinflusst werden. Bargeld gibt vielen Menschen – gerade in einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen – die Möglichkeit, ohne großen Aufwand den Überblick über ihre Ausgaben zu bewahren.
  • Bargeld hinterlässt keine digitalen Spuren und schützt die Privatsphäre der Verbraucher/innen. Um diesem Bedürfnis von Kundengruppen gerecht zu werden, würden im Ernstfall wahrscheinlich zahleiche alternative Zahlungslösungen bzw. -währungen Einzug halten, wie individuelle Gutscheine oder Coupons.
  • Wenn Zahlungen nur noch über Banken und Drittanbieter abgewickelt werden können, droht nach Einschätzung von Experten sogar die schleichende Enteignung durch negative Zinsen. Seht auch hier: die-schleichende-enteignung-der-buerger Selbstbestimmung!
  • Die Wahlfreiheit der Zahlungsmittel sollte bei aufgeklärten und souverän entscheidenden Verbrauchen liegen. Und diese sollten nicht gezwungen sein, technische Hilfsmittel bei sich zu führen – nur, weil sie sich nach dem Joggen ein Eis kaufen wollen.

Ökonomisch gesehen gibt es sicherlich viele Gründe, sich vom Bargeld zu lösen. Aber ist es wirklich so, dass nur marktkonforme Argumente rationaler Natur sind?!

An dieser Stelle sei Ihnen noch das Essay „Unsere schönen neuen Kleider: Gegen eine marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“ von Ingo Schulze ans Herz gelegt

 

 

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