Mehrweg statt mehr Müll: Wie der Einzelhandel Verpackungen revolutioniert
Die Verpackungswende ist da und sie betrifft alle
Verpackungen sind aus dem modernen Einzelhandel nicht wegzudenken. Sie schützen Produkte, erleichtern Transport und Kommunikation, und sind oft Teil des Markenauftritts. Doch sie sind auch ein zentrales Problem, denn in Deutschland fallen jährlich über 19 Mio. t Verpackungsabfälle an und die Tendenz ist steigend. Die neue EU-Verpackungsverordnung, die „Packaging and Packaging Waste Regulation“ (PPWR), setzt hier an und fordert eine radikale Neuausrichtung durch:
- weniger Verpackung
- mehr Wiederverwendung
- mehr Recyclingfähigkeit
Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Einzelhandel bedeutet das, dass die Verpackungsstrategie neu gedacht werden muss. Die gute Nachricht dabei ist, dass es praktikable Lösungen gibt, von Mehrwegsystemen über kompostierbare Materialien bis hin zur vollständigen Verpackungsvermeidung.
Was kommt auf den Einzelhandel zu?
Die PPWR wurde im Rahmen des europäischen Green Deals verabschiedet und tritt ab August 2026 verbindlich in Kraft. Anders als frühere Richtlinien gilt sie direkt in allen EU-Mitgliedstaaten und ersetzt nationale Regelungen wie das deutsche Verpackungsgesetz (VerpackG).
Die wichtigsten Ziele der PPWR:
- Reduktion des Verpackungsaufkommens um 15 % bis 2040
- Verbindliche Wiederverwendungsquoten für bestimmte Verpackungstypen
- 100 % Recyclingfähigkeit aller Verpackungen bis 2030
- Kennzeichnungspflichten für Verpackungen, bspw. Rezyklatanteil oder Recyclingfähigkeit.
- Verbot bestimmter Einwegverpackungen, bspw. für Gastronomieprodukte
Wer ist betroffen?
Alle Unternehmen, die Verpackungen in Verkehr bringen – also Hersteller, Händler, Importeure und Dienstleister. Auch KMUs müssen künftig Konformitätserklärungen für jede Verpackung vorlegen und sicherstellen, dass ihre Verpackungen den neuen Anforderungen entsprechen.
Details dazu können Sie gerne in meinen bisherigen Beiträgen zur PPWR nachlesen:
PPWR – Chance oder lästige Pflicht? Teil1: Erstinverkehrbringer
PPWR für Online-Händler außerhalb der EU
Sustainability Update – Die neue EU-Verpackungsverordnung (PPWR) ist da!
Mehrweg als Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft
Mehrwegverpackungen gelten als zentraler Hebel zur Erfüllung der PPWR-Vorgaben. Sie reduzieren Abfall, schonen Ressourcen und können wirtschaftlich betrieben werden.
Hier einige Praxisbeispiele aus dem Einzelhandel, welche ich selbst beobachte:
- REWE testet Mehrwegnetze für Obst und Gemüse sowie Pfandbecher für Snacks. Die Rückgabe erfolgt über bestehende Automaten, die Reinigung übernimmt ein zentraler Dienstleister.
- ALDI Süd reduziert systematisch Plastik bei Eigenmarken und setzt auf recyclingfähige sowie kompostierbare Materialien, was ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Wiederverwendbarkeit zu sein scheint.
- EDEKA arbeitet mit dem Start-up „Recircle“ zusammen, um Mehrwegbehälter für Take-away-Produkte zu etablieren. Die Behälter können in allen teilnehmenden Filialen zurückgegeben werden.
Vorteile für KMUs:
- Kostensenkung durch geringere Entsorgungsgebühren
- Imagegewinn durch nachhaltiges Handeln
- Kundenbindung durch innovative Services, bspw. Pfandsysteme
- Rechtssicherheit durch frühzeitige Anpassung an die PPWR
- Vermeidung von Strafzahlungen durch die frühzeitige Anpassung an die PPWR
Durch Kooperationen gemeinsam mehr erreichen
Für KMUs ist die Einführung von Mehrwegsystemen oft mit Herausforderungen verbunden, wie etwa bei Logistik, Reinigung oder Kundenkommunikation. Hier bieten sich Kooperationen an:
Erfolgsmodelle:
- Start-ups wie „Logistikbude“ bieten digitale Lösungen zur Rückverfolgbarkeit und Umlaufsteuerung von Mehrwegverpackungen, auch speziell für KMU-Strukturen.
- Regionale Netzwerke ermöglichen gemeinsame Mehrwegpools, etwa für Transportverpackungen oder Frischeartikel, und senken so die Einstiegshürden.
- Kommunale Initiativen wie „Unverpackt im Quartier“ fördern lokale Mehrwegkonzepte und bieten Beratung sowie Infrastruktur.
Aber, keine Verpackung ist die beste Verpackung
Ein oft übersehener Aspekt der Verpackungsdebatte ist, dass die beste Verpackung die ist, die gar nicht erst entsteht. Verpackungsvermeidung ist der effektivste Weg zur Abfallreduktion und wird von der PPWR ausdrücklich gefördert.
Strategien zur Verpackungsvermeidung:
- Lose Ware anbieten: Obst, Gemüse, Backwaren oder Trockenprodukte können ohne Verpackung verkauft werden mit geeigneter Infrastruktur wie bspw. Schütten oder Waagen.
- Bring-your-own-Behälter: Kunden bringen eigene Behälter mit wie etwa für Käse, Wurst oder Feinkost. Viele Städte fördern solche Konzepte aktiv.
- Digitale Produktinformationen: Statt gedruckter Etiketten können QR-Codes oder Apps genutzt werden, um Inhaltsstoffe, Herkunft und Lagerhinweise bereitzustellen.
- Verzicht auf Zweitverpackungen: Viele Produkte sind doppelt oder dreifach verpackt, hier lohnt sich eine kritische Prüfung.
Aber, rechnen sich nachhaltige Verpackungen?
Ein häufiges Argument gegen nachhaltige Verpackungslösungen ist der vermeintlich höhere Aufwand oder die höheren Kosten. Doch Studien zeigen, dass Mehrweg- und Vermeidungsstrategien langfristig oft günstiger sind, insbesondere, wenn man Entsorgungskosten, Kundenbindung und regulatorische Risiken einbezieht.
Kostenfaktoren im Vergleich:
| Verpackungsart | Anschaffungskosten | Entsorgungskosten | Wiederverwendbar | PPWR-konform |
| Einweg-Plastik | niedrig | hoch | nein | nein |
| Recyclingmaterialien | mittel | mittel | teilweise | ja |
| Mehrwegbehälter | höher | gering | ja | ja |
| Keine Verpackung | keine | keine | entfällt | optimal |
Verpackungen richtig gestalten
Die PPWR fordert nicht nur Wiederverwendung, sondern auch recyclinggerechtes Design. Ab 2030 gelten verbindliche Kriterien für die Recyclingfähigkeit von Verpackungen wie Materialreinheit, Trennbarkeit und Rezyklatanteil.
Tipps für KMUs:
- Monomaterialien bevorzugen
- Verzicht auf Verbundstoffe
- Klare Kennzeichnung zur Entsorgung
- Rezyklate einsetzen
Kommunikation, um Kunden mitzunehmen
Nachhaltige Verpackungslösungen funktionieren nur, wenn Kund:innen sie akzeptieren und aktiv mitmachen. Deshalb ist Kommunikation entscheidend.
Erfolgsfaktoren:
- Transparenz über Gründe und Vorteile
- Anreize wie Rabatte für Mehrweg
- Feedback einholen und nutzen
Fazit: Nachhaltige Verpackung ist machbar, auch für KMUs
Die neue Verpackungsverordnung ist kein Schreckgespenst, sondern ein Impuls zur Innovation. KMUs im Einzelhandel haben die Chance, durch kluge Verpackungsstrategien nicht nur gesetzeskonform zu handeln, sondern auch ökologisch und wirtschaftlich zu profitieren. Ob durch Mehrweg, Recycling oder Verpackungsvermeidung. Wer jetzt handelt, sichert sich Wettbewerbsvorteile und stärkt das Vertrauen der Kund:innen.
Quellen:
Merkblatt_Verpackungsverordnung (PPWR).pdf
Entlastung oder Belastung? Was die neue Verpackungsverordnung wirklich bedeutet
Mehrwegpflicht im B2B? Was Sie mit der EU-PPWR beachten müssen – INFORM
Christine Mengelée
Bankkauffrau
Diplom Betriebswirtin
Msc. Umweltwissenschaftlerin (lfd.)
20-jährige Erfahrung im Einkauf von Nonfood Produkten
2-jährige Erfahrung im Bereich Kreislaufwirtschaft / Wertstoffmanagement











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