Wahlfreiheit beim Bezahlen: Kunden scheitern in beide Richtungen
Die Deutschen wollen wählen können, wie sie bezahlen. Doch die Realität sieht anders aus: Mehr als jeder zweite Kunde konnte in den Monaten vor Juni 2025 nicht bargeldlos bezahlen, obwohl er es wollte. Gleichzeitig gab mehr als jeder vierte Verbraucher an, im halben Jahr zuvor nicht bar zahlen zu können. Das zeigen aktuelle Befragungen der Bundesbank und des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Die Diskrepanz zwischen Kundenwunsch und Realität ist erheblich und sie existiert in beide Richtungen.
Die Datenlage: Problem in beide Richtungen
Die Zahlen dokumentieren ein symmetrisches Dilemma:
Bundesbank-Befragung (Juni 2025, 4.048 Teilnehmer):
- 51% konnten in den Monaten zuvor nicht bargeldlos zahlen (in Geschäften, Restaurants, bei Dienstleistern)
- 74% befürworten eine Annahmepflicht für digitale Zahlungsmittel
- Bei unter 25-Jährigen: fast 60% scheiterten an fehlender Kartenakzeptanz
- Bei über 65-Jährigen: 40% konnten nicht bargeldlos zahlen
vzbv-Befragung (November 2023, 1.000 Teilnehmer ab 16 Jahren):
- 27% konnten im vorangegangenen halben Jahr mindestens einmal nicht bar bezahlen
- 75% wollen zwischen Bar- und Digitalzahlungen wählen können (vzbv-Umfrage 2021)
Die Bundesbank-Studie „Zahlungsverhalten in Deutschland 2023“ liefert den Kontext: Bei 81 Prozent der erfassten Bezahlvorgänge war 2023 eine bargeldlose Zahlung möglich, ein Anstieg um 20 Prozentpunkte gegenüber 2021. Im Einzelhandel für den täglichen Bedarf lag die Akzeptanz unbarer Zahlungsmittel bei 98 Prozent. Deutlich niedriger war sie in der Gastronomie, bei kleinen Dienstleistern und auf Wochenmärkten.
Einzelhandel ist digital, Gastro hinkt hinterher
Die EHI-Studie „Zahlungssysteme im Einzelhandel 2025“, veröffentlicht Ende Juni 2025, zeigt die tatsächliche Marktentwicklung im stationären Handel:
Umsatzverteilung (2024):
- 63,5% des Gesamtumsatzes werden bargeldlos abgewickelt (314 Mrd. Euro von 495 Mrd. Euro)
- 33,8% des Umsatzes entfallen auf Bargeld
- Girocard führt mit 41,5% Umsatzanteil
- Internationale Debitkarten (Visa Debit, Debit Mastercard) wachsen stark auf 6,9% (+2,8 Prozentpunkte)
- Kreditkarten: 8,3% Umsatzanteil
Transaktionen:
- 54,6% der rund 20 Milliarden Kaufvorgänge werden noch bar bezahlt
- 5,7% aller Bezahlvorgänge erfolgen mobil (Apple Pay, Google Pay)
- Das entspricht 12,9% aller bargeldlosen Transaktionen
Die Datenbasis der EHI-Studie umfasst 499 Unternehmen aus 35 Branchen mit einem Bruttoumsatz von 314,8 Milliarden Euro. Das sind 55,3 Prozent des gesamten stationären Einzelhandelsumsatzes. Die Zahlen zeigen: Der organisierte Einzelhandel hat Kartenzahlung weitgehend implementiert. Das Problem muss also woanders liegen.
Wo die Akzeptanzlücken wirklich klaffen
Die 51 Prozent, die nicht bargeldlos zahlen konnten, scheiterten nicht primär im Supermarkt oder Kaufhaus. Die Bundesbank-Befragung bezieht sich auf „Geschäfte, Restaurants oder ähnliche Orte“. Die Lücken finden sich hauptsächlich bei:
Gastronomie: Kleine Cafés, Imbisse, Biergärten lehnen Kartenzahlung häufig ab. Begründung: zu hohe Gebühren, zu geringe Einzelbeträge. Dehoga Rheinland-Pfalz beziffert den Anteil der Mitgliedsbetriebe ohne Kartenakzeptanz auf 20 Prozent.
Kleine Dienstleister: Friseure, Handwerker, mobile Händler auf Wochenmärkten arbeiten oft noch ausschließlich mit Bargeld.
Inhabergeführte Kleinstbetriebe: Kioske, kleine Bäckereien im ländlichen Raum haben seltener Terminal-Infrastrukturen.
Freizeiteinrichtungen: Schwimmbäder, Sportvereine, kleinere Veranstaltungsorte sind seltener mit digitalen Zahlungsmöglichkeiten ausgestattet.
Der Einzelhandel im engeren Sinne ist weitgehend ausgerüstet. Die Bundesbank-Studie „Zahlungsverhalten 2023“ zeigt: Im Einzelhandel für den täglichen Bedarf war bei 98 Prozent der Transaktionen eine bargeldlose Zahlung möglich. Das ist ein Spitzenwert aller Branchen.
Kostenmythen im Faktencheck
Warum zögern kleine Betriebe trotz Kundenwunsch? Die häufigsten Argumente basieren auf Fehleinschätzungen.
Mythos 1: „Kartenzahlung ist zu teuer“
Die Bundesbank-Studie „Kosten der Bargeldzahlung im Einzelhandel“ von 2019 dokumentiert: Eine Bargeldtransaktion kostet durchschnittlich 24 Cent. Davon entfallen 12 Cent auf Kassierzeit, 8 Cent auf Kassenabrechnung, 4 Cent auf Bargeldentsorgung und Wechselgeld. Das Bargeldhandling erfordert täglich etwa 17 Minuten Arbeitszeit, was jährlich rund 739 Euro entspricht.
Bei einer Girocard-Transaktion fallen etwa 0,2 Prozent des Umsatzes plus circa 7 Cent an. Bei einem 50-Euro-Einkauf sind das 17 Cent. Das ist günstiger als Bargeld. Kreditkarten sind mit 97 Cent bis 1,04 Euro pro Transaktion tatsächlich deutlich teurer, werden aber bei höheren Einkaufswerten eingesetzt und relativieren sich dadurch prozentual.
Die Rechnung „Bargeld ist kostenlos“ ist eine betriebswirtschaftliche Illusion. Hinzu kommen Sicherheitskosten, Versicherungsprämien und Diebstahlrisiko.
Mythos 2: „Mindestbeträge sind nötig“
„Kartenzahlung erst ab 10 Euro“ widerspricht den Händlerverträgen mit Visa und Mastercard, die Mindestbeträge untersagen. Bei einem 5-Euro-Einkauf kosten Bargeld und Girocard nahezu gleich viel. Der vermeintliche Kostennachteil existiert nur, wenn Händler ihre Bargeldkosten nicht vollständig erfassen.
Mythos 3: „Investitionen sind zu hoch“
Moderne Zahlungsterminals sind ab 20 bis 30 Euro monatlich als Mietmodell verfügbar, oft ohne Einrichtungsgebühr. Die EHI-Studie zeigt: Nach drei Jahren rückläufiger Investitionen stieg die Bereitschaft des Handels, in Payment-Infrastruktur zu investieren, 2024 wieder deutlich an. Der Fokus liegt auf modernen Terminals, Mobilitätslösungen und digitalen Kundenbindungssystemen.
Steuerkontrolle als politisches Motiv
Ein selten offen angesprochener, aber politisch relevanter Aspekt ist die Steuerkontrolle. Die Deutsche Steuergewerkschaft (DSTG) schätzt den Schaden durch Steuerhinterziehung in bargeldintensiven Branchen auf 16 Milliarden Euro jährlich direkte Steuerverluste, der gesamtwirtschaftliche Schaden inklusive Sozialabgaben liegt bei 70 Milliarden Euro. In der Gastronomie gehen Experten von etwa 30 Prozent nicht versteuerten Einnahmen aus. Das entspricht rund 15 Milliarden Euro Schwarzgeld jährlich.
„Bareinnahmen lassen sich eher vor dem Finanzamt verstecken als bargeldlose Zahlungseingänge“, sagt die Sprecherin des rheinland-pfälzischen Landesamts für Steuern. Kartenzahlung hinterlässt digitale Spuren und erschwert Manipulation. Ein Kleinstunternehmen muss im Durchschnitt nur alle 80 Jahre mit einer Steuerprüfung rechnen. Da würde die Kartenzahlung automatisch für nachvollziehbare Belege sorgen. Die Bonpflicht von 2020 sollte genau das erreichen, hat aber die Manipulationsmöglichkeiten nicht vollständig beseitigt.
Die DSTG fordert deshalb eine Kartenzahlungspflicht ab 25.000 Euro Jahresumsatz. Thomas Eigenthaler, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft, sagt: „Es geht hier um Steuerehrlichkeit.“ Die politische Forderung nach Kartenzahlungspflicht hat neben Verbraucherwahlfreiheit auch Steuerkontrolle als Motiv, auch wenn das öffentlich selten so deutlich benannt wird.
Nicht jeder Gastronom oder Händler, der nur Bargeld akzeptiert, hinterzieht Steuern. Viele scheuen tatsächlich Kosten und technische Hürden. Aber die Zahlen zeigen: Das Problem existiert in relevantem Umfang, und es ist ein Treiber der politischen Debatte.
Digitale Kompetenzen erklären das Zögern
Das bidt-Digitalbarometer 2025, veröffentlicht am 15. Oktober 2025 mit Daten von 9.031 Befragten, liefert eine zusätzliche Erklärungsebene für das Zögern mancher Betriebe. Die repräsentative Befragung von Ende Januar bis Anfang März 2025 zeigt ausgeprägte Unterschiede bei der digitalen Kompetenz:
Kompetenzverteilung:
- 16% der Bevölkerung haben fortgeschrittene digitale Kompetenzen
- 13% haben nur niedrige Kompetenzen
- Jüngere (14-29 Jahre): 71 Kompetenzzpunkte
- Personen ab 65 Jahren: 45 Punkte
- Menschen im Ruhestand ab 80 Jahren (Nicht-Internetnutzer): 12 Punkte
Inhaber kleiner Geschäfte gehören oft zur älteren Generation und bringen selbst niedrigere digitale Kompetenzen mit. Die Hemmschwelle, sich mit Kartenterminals, PIN-Pads und digitalen Abrechnungssystemen auseinanderzusetzen, ist entsprechend höher. Das kann erklären, warum große Ketten mit professionellem Payment-Management bereits 63,5 Prozent Kartenumsatz erreichen, während „Cash only“-Geschäfte vorwiegend bei kleinen, inhabergeführten Betrieben zu finden sind.
HDE-Position: Lobbyarbeit für Kostenstrukturen
Der Handelsverband Deutschland (HDE) lehnt eine gesetzliche Annahmepflicht für bargeldlose Zahlungsmittel ab. Ulrich Binnebößel, HDE-Abteilungsleiter Zahlungsverkehr, argumentierte im Juli 2024: „Den Handel zur Akzeptanz von Kartenzahlung zu verpflichten, ist keine Lösung. Eine Wahlfreiheit beim Bezahlen haben Verbraucherinnen und Verbraucher in den Geschäften schon heute.“ Die Ladengeschäfte verfügten mit Blick auf Zahlungsterminals über eine „Vollausstattung“.
Die HDE-Position ist nachvollziehbar, wenn man die wirtschaftlichen Interessen betrachtet. Das eigentliche HDE-Argument: „Die Forderung nach einer gesetzlichen Akzeptanzpflicht elektronischer Zahlungen ist und bleibt nichts weiter als ein Konjunkturprogramm für die jeweiligen Zahlungsdienstleister.“
Der HDE kämpft gegen steigende Kosten durch internationale Debitkarten. Während Girocard etwa 0,2 Prozent des Umsatzes kostet, verlangen Visa Debit und Mastercard Debit bis zu 0,8 Prozent oder mehr, teilweise bis zu viermal so viel. Der HDE fordert in einem Impulspapier vom Juni 2025 Transparenz und eine Vereinheitlichung aller Kartenzahlungsgebühren.
Zusätzlich lehnt der HDE das Surcharging-Verbot ab, das Händlern untersagt, Kartenzahlungskosten an Kunden weiterzugeben. Eine Annahmepflicht ohne Möglichkeit zur Kostenweitergabe bedeutet: Händler tragen die Kosten vollständig. Der HDE will das Verbot kippen, nicht die Pflicht akzeptieren.
Die Ablehnung der Annahmepflicht ist Verhandlungsinstrument: Der HDE will bessere Konditionen von Visa und Mastercard erzwingen. Eine Pflicht würde diese Verhandlungsposition schwächen, weil Händler dann, egal zu welchen Kosten, akzeptieren müssten.
Verbraucherschutz fordert das Gegenteil
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) vertritt die Verbraucherseite und fordert das Gegenteil: eine Akzeptanzpflicht für Bargeld. „Verbraucher:innen müssen auch in Zukunft die Möglichkeiten haben, zwischen Bar- und Digitalzahlungen zu wählen“, sagt vzbv-Vorständin Ramona Pop im Februar 2024. Eine vzbv-Befragung von November 2023 zeigt: 27 Prozent der Befragten konnten im vorangegangenen halben Jahr mindestens einmal nicht bar bezahlen.
Dorothea Mohn, Leiterin des vzbv-Teams Finanzmarkt, ergänzt im November 2024: „Bargeld ist und bleibt für viele Verbraucherinnen und Verbraucher das Zahlungsmittel Nummer 1.“ Der vzbv kritisiert, dass bei der zentralen Aufgabe, die Verfügbarkeit von Bargeld langfristig sicherzustellen, bisher zu wenig Fortschritt erzielt wurde.
Das Verbraucherinteresse ist eindeutig: Wahlfreiheit. Nicht die Dominanz eines Zahlungsmittels, sondern die Option, zu wählen. Die Bundesbank-Befragung dokumentiert: 51 Prozent konnten nicht bargeldlos zahlen. Die vzbv-Befragung zeigt: 27 Prozent konnten nicht bar zahlen. Beide Probleme existieren parallel.
Politische Entwicklung: Wahlfreiheit als Ziel
Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD aus dem Frühjahr 2025 heißt es: „Wir setzen uns für echte Wahlfreiheit im Zahlungsverkehr ein und wollen, dass grundsätzlich Bargeld und mindestens eine digitale Zahlungsoption schrittweise angeboten werden sollen.“ Die Formulierung ist vorsichtig („sollen“), aber die politische Richtung ist klar: doppelte Annahmepflicht.
Ein konkreter Gesetzesentwurf existiert Stand Oktober 2025 noch nicht. Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz äußerte im April 2025: „Wenn die Politik sagt, Händler sollen neben Bargeld auch die Girocard akzeptieren, habe ich dafür Sympathie – denn es erweitert die Wahlmöglichkeiten der Kundinnen und Kunden.“
Die Bundesbank-Befragung zeigt breite Zustimmung für eine Annahmepflicht digitaler Zahlungsmittel: 32 Prozent befürworten sie stark, 41 Prozent eher. Bei jüngeren Befragten liegt die Zustimmung über 80 Prozent, bei Personen über 45 Jahren bei gut 60 Prozent. Etwa die Hälfte der Befürworter wünscht eine generelle Regelung, jeweils ein Viertel eine nach Betragshöhe oder Unternehmensgröße differenzierte Lösung.
Barrierefreiheit als Pflichttreiber
Ein oft übersehener Aspekt ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), das am 28. Juni 2025 in Deutschland in Kraft trat. Es verpflichtet Händler, einen diskriminierungsfreien Zugang zum bargeldlosen Bezahlen für Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten. Die EHI-Studie benennt die Umsetzung des BFSG als wichtigen Investitionsschwerpunkt im Handel.
Terminals müssen barrierefrei bedienbar und mit taktilen Elementen für Blinde, kontrastreichem Display für Sehbehinderte, Vorlesefunktion ausgestattet sein. Händler, die bisher keine Kartenzahlung anbieten, werden durch diese Vorgabe faktisch zum Umdenken gezwungen: Barrierefreie Bargeldkassen gibt es nicht, barrierefreie Kartenterminals sind Pflicht.
Cashback als Zusatzgeschäft
Ein oft unterschätzter Aspekt ist Cashback: Kunden können sich beim Karteneinkauf zusätzlich Bargeld auszahlen lassen. 2024 zahlten Händler 13,57 Milliarden Euro an Kunden aus. Das ist ein Anstieg gegenüber 12,31 Milliarden Euro im Vorjahr. Diese Bargeldausgabe verursachte dem Einzelhandel Kosten von rund 19 Millionen Euro.
Cashback bindet Kunden und erhöht die Frequenz. Für Händler bedeutet es zwar zusätzlichen Bargeldaufwand, aber auch höhere Kundenzufriedenheit und Umsatzchancen. Der Service ist mittlerweile Standard im Lebensmitteleinzelhandel.
Was Betriebe jetzt tun sollten
Die Datenlage ist eindeutig: Verbraucher wollen Wahlfreiheit, nicht die Dominanz eines Zahlungsmittels. Für Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister bedeutet das:
Kostenrechnung ehrlich machen: Bargeldkosten vollständig erfassen: Zählzeit, Transport, Wechselgeld, Versicherung, Diebstahlrisiko. Die 24 Cent pro Transaktion der Bundesbank-Studie sind Durchschnitt, können aber je nach Betriebsgröße variieren.
Moderne Mietmodelle prüfen: Terminals gibt es ab 20 bis 30 Euro monatlich. Girocard als Mindeststandard reicht für die meisten Kunden. Internationale Debitkarten und Kreditkarten sollten geprüft werden, wenn die Kundschaft es erwartet.
Schulungen organisieren: Ältere Inhaber mit niedrigen digitalen Kompetenzen benötigen Unterstützung bei der Einführung. IHKs, Handwerkskammern und Branchenverbände bieten oft Schulungen an.
Transparente Gebührenmodelle fordern: Den HDE als Lobby nutzen, um faire Konditionen von Zahlungsdienstleistern zu erzwingen. Die Kritik an überhöhten Gebühren ist berechtigt.
Barrierefreiheit umsetzen: Das BFSG macht barrierefreie Terminals zur Pflicht. Wer jetzt investiert, erfüllt die Anforderungen frühzeitig und vermeidet Nachbesserungen.
Bargeld nicht abschaffen: Die vzbv-Forderung zeigt: 27 Prozent konnten nicht bar zahlen. Händler, die Bargeld ablehnen, verlieren Kunden. Wahlfreiheit bedeutet, beides anzubieten.
Steuerehrlichkeit sicherstellen: Kartenzahlung schafft automatisch nachvollziehbare Belege. Wer korrekt abrechnet, profitiert von der Transparenz durch geringeres Prüfrisiko. Die politische Debatte zeigt: Steuerkontrolle ist ein Treiber für die Annahmepflicht.
Meine Einschätzung
Die Diskussion um Zahlungsmittel ist ideologisch aufgeladen – zu Unrecht. Die Studien zeigen klar: Verbraucher wollen wählen können. Nicht „nur Karte“ oder „nur Bargeld“, sondern beides. Die Bundesbank-Befragung dokumentiert, dass 51 Prozent nicht bargeldlos zahlen konnten. Die vzbv-Befragung zeigt, dass 27 Prozent nicht bar zahlen konnten. Beide Probleme sind real.
Der Einzelhandel hat seine Hausaufgaben weitgehend gemacht: 63,5 Prozent Kartenumsatz, 98 Prozent Akzeptanz unbarer Zahlungsmittel im täglichen Bedarf. Das Problem liegt bei der Gastronomie, kleinen Dienstleistern und mobilen Händlern. Hier blockieren oft nicht wirtschaftliche Gründe, sondern niedrige digitale Kompetenzen, Fehleinschätzungen zu Bargeldkosten und in Teilen der Gastronomie auch die Möglichkeit zur Steuervermeidung.
Die HDE-Position ist nachvollziehbar als Lobbyarbeit für bessere Konditionen bei Zahlungsdienstleistern. Die Ablehnung einer Annahmepflicht ist Verhandlungstaktik, keine Verbrauchervertretung. Wenn drei Viertel der Bevölkerung eine Annahmepflicht für digitale Zahlungsmittel befürworten, kann ein Handelsverband nicht mehr behaupten, das Problem existiere nicht.
Die Lösung ist einfach: doppelte Annahmepflicht. Händler müssen Bargeld und mindestens eine digitale Zahlungsoption anbieten. Ausnahmen für sehr kleine Betriebe oder Kleinstbeträge sind sinnvoll, um unverhältnismäßige Härten zu vermeiden. Aber die Richtung ist klar: Wahlfreiheit ist kein Luxus, sondern Verbraucherrecht.
Das Argument der Steuerkontrolle ist unbequem, aber berechtigt. Wenn 16 Milliarden Euro jährlich in bargeldintensiven Branchen nicht versteuert werden, ist das kein Kavaliersdelikt, sondern ein strukturelles Problem. Kartenzahlung schafft Transparenz. Nicht als Schikane, sondern als Grundlage für fairen Wettbewerb. Wer korrekt abrechnet, hat nichts zu befürchten.
Die politische Entwicklung zeigt: Eine gesetzliche Regelung kommt. Betriebe täten gut daran, nicht auf den Gesetzgeber zu warten, sondern proaktiv zu handeln. Wer heute investiert, kann Kunden gewinnen und steht auf der sicheren Seite. Wer wartet, zahlt doppelt: für die verzögerte Anpassung und für entgangenen Umsatz.
Quellen
Bundesbank: Deutliche Mehrheit befürwortet Annahmepflicht für bargeldlose Zahlungsmittel – 21. September 2025
https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/deutliche-mehrheit-befuerwortet-annahmepflicht-fuer-bargeldlose-zahlungsmittel-966536
EHI: Zahlungssysteme im Einzelhandel 2025 – Ende Juni 2025
https://www.handelsdaten.de/handelsthemen/zahlungssysteme
bidt-Digitalbarometer 2025 – 15. Oktober 2025
https://www.bidt.digital/bidt-digitalbarometer-2025-digitale-kompetenzen-im-alltag-unerlaesslich/
Bundesbank: Kosten der Bargeldzahlung im Einzelhandel – 2019
https://www.bundesbank.de/resource/blob/776464/7bcafc28a7be62b503fb4c39440f92db/mL/kosten-der-bargeldzahlung-im-einzelhandel-data.pdf
Bundesbank: Zahlungsverhalten in Deutschland 2023 – Juni 2024
https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/zahlungsverhalten-in-deutschland-2023-934828
HDE: Position zur Akzeptanzpflicht für Kartenzahlung – 23. Juli 2024
https://einzelhandel.de/presse/aktuellemeldungen/14603-hde-spricht-sich-gegen-akzeptanzpflicht-fuer-kartenzahlung-aus-2
HDE: Transparenz von Kosten der Kartenzahlung – 24. Juni 2025
https://einzelhandel.de/presse/aktuellemeldungen/14846-hde-setzt-sich-fuer-transparenz-von-kosten-der-kartenzahlung-ein
vzbv: Bargeldforum – Bezahlen zukunftsfest machen – Februar 2024
https://www.vzbv.de/pressemitteilungen/bargeldforum-bezahlen-zukunftsfest-machen
vzbv: Zweites Bargeldforum – 18. November 2024
https://www.vzbv.de/pressemitteilungen/wenn-wir-bargeld-erhalten-wollen-duerfen-wir-die-haende-jetzt-nicht-den-schoss
Verbraucherzentrale NRW: Wie wichtig ist Bargeld? – 11. März 2025
https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/geld-versicherungen/sparen-und-anlegen/wie-wichtig-ist-bargeld-83609
Tagesschau: Steuergewerkschaft für verpflichtendes Angebot zur Kartenzahlung – 20. August 2024
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/bargeld-steuerhinterziehung-100.html
SWR: Steuerbehörde Rheinland-Pfalz zu Kartenzahlung und Steuerbetrug – 9. Mai 2025
https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/mainz/laut-steuerbeoerde-rheinland-pfalz-kann-digitales-bezahlen-steuerbetrug-verringern-100.html
Zeit Online: Bargeldlose Zahlung gegen Steuerhinterziehung – 23. April 2025
https://www.zeit.de/2025/17/bargeldlose-zahlung-union-spd-gastronomie-steuerhinterziehung
Spiegel: Koalitionsvertrag fordert digitale Zahlungsoption – 29. April 2025
https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/kartenzahlung-koalitionsvertrag-fordert-digitale-zahlungsoption-in-der-gastronomie-a-127837b7-46ca-43b0-b358-4bcb116fef9b




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