Post-Corona: Innenstadt verliert Alltäglichkeit
Prof. Dr. Nils Andres hat im August 2025 1.432 Personen in Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und München befragt. Ergebnis: 72 Prozent besuchten vor 2020 mindestens dreimal pro Woche die Innenstadt, heute nur noch 41 Prozent. Die Studie zeigt: Das ist kein temporäres Phänomen, sondern struktureller Wandel. Für Händler bedeutet das: Frequenzverlust ist psychologisch, nicht nur logistisch. Aber die Mechanismen sind übertragbar: Episodisierung, Komfort als neue Kaufbarriere und Planungszwang statt Spontankauf treffen Fachmarktzentren, Shopping-Malls und Quartiere genauso. Wer glaubt, das sei nur ein Innenstadtproblem, übersieht: Remote Work verändert die Kaufrhythmen überall.
Vom Alltag zur Episode
Andres beschreibt die Transformation der Innenstadt von einem kontinuierlichen Resonanzraum zu einem episodischen Erlebnisort. Episodisierung bedeutet: Innenstadtbesuche sind nicht mehr beiläufig, sondern geplant und zweckgebunden. Früher war die Stadt „auf dem Weg“, heute muss sie als Ziel gewählt werden. 41 Prozent besuchen die Stadt nur noch ein- bis zweimal pro Woche, vorher waren es 72 Prozent mit drei oder mehr Besuchen.
Das trifft klassische Frequenzlogiken. Spontankäufe fallen weg, weil Menschen nur noch kommen, wenn sie müssen. Die Stadt verliert ihre Funktion als „verlässliches Objekt“ und wird zum „Gelegenheitsobjekt“. Psychodynamisch bedeutet das: keine kontinuierliche Bindung, sondern situative Beziehung.
Remote Work als Strukturbruch
Vollzeit-Remote-Worker besuchen die Innenstadt 1,4-mal pro Monat anlasslos, Hybrid-Worker 3,1-mal, Präsenz-Worker 4,7-mal. Der Arbeitsweg fungierte als „psychischer Aktivator“: ein Übergangsritual zwischen privatem und öffentlichem Selbst. Fällt dieser Übergang weg, muss der Innenstadtbesuch bewusst initiiert werden. Das kostet kognitive und emotionale Energie. Ein Zitat aus der Studie: „Früher war ich eh unterwegs, jetzt muss ich mich entscheiden“.
Destatis-Daten für 2025 zeigen: 24 Prozent der Erwerbstätigen nutzen Homeoffice, aber nur noch 13,2 Prozent täglich, deutlich weniger als 2021 mit 40 Prozent ausschließlich im Homeoffice. Remote Work ist strukturell etabliert, aber weniger extrem als in der Pandemie. Die 72 Prozent auf 41 Prozent Frequenzverschiebung korrelieren mit dieser Realität.
Komfort als neue Kaufbarriere
Personen mit hohem Kontrollbedürfnis haben einen episodischen Index von 0,84, d.h. 84 Prozent der Besuche sind anlassgebunden. Bei niedrigem Kontrollbedürfnis liegt der Wert nur bei 0,42. Korrelation: r = .54. Die Stadt wird als „energetisch teuer“ erlebt. Homeoffice hat die Schwelle für Reizexposition gesenkt. Was früher normal war, wie z.B. Gedränge, Warten oder Suchen, wird heute als Makel gewertet. Die Stadt muss auch in dieser Beziehung überzeugen.
Händler machen häufig fehlende Parkplätze für Frequenzverlust verantwortlich. Andres‘ Daten zeigen: 48 Prozent nennen Nervfaktoren wie Parkplatzsuche explizit. Aber der entscheidende Punkt ist: Diese Faktoren existierten vor 2020 ebenso, nur wurden sie in Kauf genommen, weil man „ohnehin unterwegs“ war. Heute muss der Innenstadtbesuch sich lohnen, jede Barriere fällt stärker ins Gewicht. Das Problem ist nicht nur das Auto, sondern die gesunkene Toleranz für Friktionen, weil die psychologische Schwelle gestiegen ist.
Third Places als Bindungsfaktor
München und Hamburg haben 28 Prozent höhere Third-Place-Dichte als Frankfurt und Düsseldorf. Hier gibt es Cafés, Parks, Bibliotheken als niedrigschwellige Treffpunkte. Resultat: 118 Minuten durchschnittliche Aufenthaltsdauer in dichten Vierteln versus 86 Minuten in schwachen. Korrelation: r = .38. Jane Jacobs beschrieb diese Orte als „Ballet of the Sidewalk“, also Räume für beiläufige Begegnungen.
Ohne Third Places (Dritte Orte) wird die Stadt zum Transitraum. Menschen „erledigen“ statt „flanieren“. Ein Zitat: „Hier gibt es kaum Plätze, wo man einfach bleiben will. Man macht, was man muss, und fährt wieder heim.“ Für Händler bedeutet das: Die Aufenthaltsdauer korreliert mit der Kaufwahrscheinlichkeit. Wer Frequenz will, muss in die urbane Infrastruktur investieren, nicht nur in die eigene Fläche.
Kaufverhalten ändert sich
Die Transaktionsdaten von 238 Teilnehmer*innen zeigen: Episodische Nutzer geben pro Besuch 146 Euro aus, kontinuierliche Nutzer nur 82 Euro. Aber der Monatsumsatz episodischer Nutzer liegt bei 292 Euro, kontinuierlicher Nutzer bei 398 Euro. Hohe Bons pro Transaktion, aber weniger Transaktionen insgesamt. Die Planungssicherheit für Händler sinkt, Spontankäufe fallen weg.
Das Muster gilt nicht nur für Innenstädte, sondern überall: Fachmarktzentren, Shopping-Center, Outlets. Weniger Frequenz, höhere Einzeltransaktion, aber sinkende Gesamtumsätze. Personalplanung, Öffnungszeiten und Aktionsplanung müssen neu gedacht werden.
Quartiere übernehmen Funktionen
Stadtteile mit starker Nahversorgung und Third-Place-Dichte reduzieren Innenstadtbesuche um 22 Prozent. Aber die Gesamtfrequenz öffentlicher Aufenthalte bleibt ähnlich. Die Bindung verlagert sich vom Zentrum ins Quartier. Ein Zitat aus Hamburg-Ottensen: „Warum soll ich extra in die City? Alles ist hier“.
Gewinner sind etablierte Szene-Viertel wie Hamburg-Ottensen, München-Glockenbach oder Köln-Ehrenfeld mit hoher Café- und Kulturdichte. Verlierer sind unterversorgte Stadtteile: Fehlen Third Places und Nahversorgung, profitieren sie nicht von der Innenstadtschwäche. 27 Prozent der Befragten fahren in andere Quartiere, nicht in die Innenstadt. Die sozialpsychologische Segregation verschärft sich weiter.
Kritische Einordnung
Die Stichprobe konzentriert sich auf wirtschaftsstarke Großstädte: Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf. Kleinere Städte, ländliche Regionen und Mittelstädte fehlen. Die Übertragbarkeit der Studienergebnisse ist begrenzt. Die Studie sagt nichts über Nahversorgungszentren in Stadtteilen, Fachmarktzentren am Stadtrand oder Discounter aus.
Hystreet meldet für 2024 einen Anstieg der Passantenfrequenz um 1,5 Prozent gegenüber 2023 in deutschen Innenstädten. BNP Paribas berichtet von Q1/2025 als „bestem Startquartal seit fünf Jahren“ bei Flächenvermietungen. Das widerspricht nicht Andres’ These, zeigt aber: Die Frequenz steigt leicht, aber die Qualität der Besuche sinkt. Mehr Durchlauf bedeutet nicht mehr Bindung. Menschen sind wieder da, aber anders. Eben nicht mehr beiläufig, sondern episodisch.
Die psychologischen Erkenntnisse sind übertragbar: Das „verlässliche Objekt“ wird zum „Gelegenheitsobjekt“ gilt für jeden stationären Standort. Remote Work eliminiert nicht nur Arbeitswege, sondern auch Rituale des Übergangs. Früher war Shopping beiläufig, jetzt muss es bewusst gewählt werden. Diese kognitive und emotionale Hürde existiert überall.
Was Händler tun können
Die Studie zeigt: Frequenz lässt sich nicht erzwingen, aber Aufenthaltsdauer und Bindung schon. München und Hamburg belegen: 28 Prozent mehr Third-Place-Dichte führen zu 32 Minuten längerer Verweildauer. Das bedeutet konkret: Cafés, Sitzmöglichkeiten, kostenfreie Toiletten, WLAN-Zonen in oder um die Fläche. Nicht als Zusatzgeschäft, sondern als „Infrastruktur für Beiläufigkeit“.
Barrieren senken heißt: Parkplatzsuche, Wegführung, Wartezeiten an Kassen adressieren. 48 Prozent nennen diese Friktionen als Gründe. Sie waren vorher da, wiegen aber heute schwerer. Wer episodische Besuche will, muss den Aufwand rechtfertigen. Das gilt für Innenstädte wie für Fachmarktzentren: Komfort ist keine Kür, sondern Voraussetzung.
Öffnungszeiten anpassen: Samstag wird zum Hauptfrequenztag, Wochentage kollabieren. Personalplanung muss das abbilden. Aktionen nicht mehr auf Dienstag legen, sondern auf Wochenende konzentrieren. Episodisierung verlangt nach neuen Rhythmen.
Die operative Übersetzung dieser Erkenntnisse bleibt Aufgabe der Händler*innen. Andres liefert die Diagnose und zeigt Richtungen: Third Places, Barrierenabbau, zeitliche Anpassung. Wie das in konkrete Geschäftsmodelle übersetzt wird, hängt von Branche, Standort und Zielgruppe ab.
Ich freue mich auf eine lebendige Diskussion dazu.
Die Studie kann hier kostenfrei und in voller Länge gelesen werden.











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