Handel 2025: Zwischen Social Commerce-Boom und Nachhaltigkeits-Paradox
Die neue ibi-Partnerstudie 2025 zeichnet ein faszinierendes Bild des deutschen Konsumverhaltens: Während sich Social Commerce explosionsartig ausbreitet, kämpfen Verbraucher mit steigenden Preisen und dem Wunsch nach Nachhaltigkeit. Für Handelsunternehmen ergeben sich daraus sowohl Chancen als auch fundamentale Herausforderungen.
Social Commerce: Vom Nischen-Trend zum Mainstream
Der wohl überraschendste Befund der Studie: Social Commerce hat sich binnen zwei Jahren mehr als verdoppelt. 46 Prozent der Befragten haben bereits über soziale Netzwerke eingekauft, 2023 waren es noch 20 Prozent. Besonders beeindruckend: 67 Prozent der Generation Z und 63 Prozent der Generation Y nutzen bereits Social-Media-Verlinkungen zum Einkauf.
Diese Entwicklung markiert einen Wendepunkt im deutschen E-Commerce. Was lange als amerikanisches Phänomen galt, erobert nun auch den traditionell eher konservativen deutschen Markt. Live-Shopping etabliert sich parallel dazu: 22 Prozent haben bereits teilgenommen, bei der Generation Z sogar 44 Prozent.
Implikation für Händler: Social Commerce ist kein Nice-to-have mehr, sondern wird zum kritischen Erfolgsfaktor. Unternehmen müssen ihre Content- und Vertriebsstrategien fundamental überdenken und in Social-Media-Präsenz investieren.
PayPal bleibt König, aber Generationen unterscheiden sich massiv
Trotz aller digitaler Innovation zeigt sich bei Bezahlverfahren eine bemerkenswerte Stabilität: PayPal dominiert mit 52 Prozent weiterhin den Online-Handel. Interessant ist jedoch der Rückgang der Rechnung von 20 auf 15 Prozent. Ein Zeichen zunehmender Digitalisierung der Zahlungsgewohnheiten.
Besonders aufschlussreich sind die Generationsunterschiede: Während die Generation Z zu 11 Prozent Apple Pay/Google Pay nutzt, sind es bei Babyboomern nur 1 Prozent. Gleichzeitig lehnen 61 Prozent aller Befragten neue Zahlungsverfahren ab, solange bestehende funktionieren.
Implikation für Händler: Zielgruppenspezifische Payment-Strategien werden essenziell. Während jüngere Kunden mobile Bezahllösungen erwarten, setzen ältere weiterhin auf bewährte Verfahren wie PayPal und Rechnung.
Das Nachhaltigkeits-Paradox: Wollen ja, zahlen nein
60 Prozent der Verbraucher empfinden nachhaltige Produkte als zu teuer, selbst bei Haushalten mit über 4.000 Euro Nettoeinkommen liegt dieser Wert noch bei 53 Prozent. Dennoch zeigt die Generation Z die höchste Zahlungsbereitschaft für Nachhaltigkeit, während ältere Generationen deutlich häufiger Aufpreise ablehnen.
Zusätzliche Hürden sind mangelnde Transparenz (35 Prozent können Nachhaltigkeit schwer erkennen) und Qualitätsbedenken (28 Prozent). Das Nachhaltigkeits-Paradox zeigt sich besonders deutlich: Während das Thema wichtig bleibt, scheitert die Umsetzung an praktischen Barrieren.
Implikation für Händler: Nachhaltigkeit muss neu gedacht werden. Statt Premium-Aufschlägen sind kreative Preismodelle, bessere Kommunikation der Nachhaltigkeitsvorteile und gestufte Nachhaltigkeitsoptionen gefragt.
Krisenstimmung bremst Konsumlaune
70 Prozent der Befragten sorgen sich wegen politischer Konflikte und Lebenshaltungskosten. Über ein Drittel berichtet von einer Verschlechterung der persönlichen Finanzlage, besonders Babyboomer und Generation X sind betroffen. Die Generation Z zeigt sich hingegen resilient: 44 Prozent berichten von Verbesserungen ihrer finanziellen Situation.
Diese Polarisierung spiegelt sich auch in den Zukunftserwartungen wider: Während jüngere Generationen optimistisch bleiben, erwarten ältere eher weitere Verschlechterungen. Die wirtschaftliche Unsicherheit wirkt sich direkt auf das Konsumverhalten aus.
Implikation für Händler: Flexible Preisstrategien und zielgruppenspezifische Angebote werden wichtiger. Während die Generation Z weiterhin konsumfreudig bleibt, benötigen ältere Kunden preissensible Alternativen.
Digitale Spaltung wird zur strategischen Herausforderung
Die Studie identifiziert fünf Digitaltypen – von digitalen Vorreitern (21 Prozent) bis zu Verweigerern (2 Prozent). Besonders interessant: 49 Prozent gelten als „digitale Profis“ – kompetent, aber nicht innovationsfreudig. Diese Gruppe nutzt Technologie pragmatisch zur Produktivitätssteigerung.
Die digitale Kompetenz korreliert stark mit dem Einkaufsverhalten: Digitale Vorreiter nutzen zu 83 Prozent Kartenzahlung überall, bei Verweigerern sind es nur 52 Prozent. Auch bei Social Commerce zeigen sich massive Unterschiede zwischen den Digitaltypen.
Implikation für Händler: One-Size-fits-all-Strategien funktionieren nicht mehr. Erfolgreiche Händler müssen parallele Welten bedienen, von hochdigitalen Social-Commerce-Erlebnissen bis zu traditionellen, vertrauensbasierten Einkaufswegen.
Fazit: Handel zwischen Beschleunigung und Spaltung
Die ibi-Studie 2025 zeigt einen Handel im Spannungsfeld: Während sich neue Formate wie Social Commerce rasant entwickeln, verstärken sich gleichzeitig generationsspezifische und digitale Gräben. Erfolgreiche Handelsunternehmen müssen lernen, diese Parallelwelten mit differenzierten Strategien für unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen.
Die Herausforderung liegt nicht nur in der technischen Umsetzung, sondern in der strategischen Orchestrierung verschiedener Kundenreisen. Wer diese Komplexität meistert, kann von der Dynamik des Marktes profitieren. Wer sie ignoriert, riskiert den Verlust ganzer Kundensegmente.
Die Studie kann hier bestellt werden.










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