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Rainer Eckert

Once upon a time in Switzerland

2. September 2026 / Von Rainer Eckert / Lesedauer: 2 Minuten 37 Sekunden
Die Geschichte des Self-Checkouts begann mit Selbsttipp-Kassen bei Migros im Jahre 1965.

Die Geschichte des Self-Checkouts begann mit mechanischen Registrierkassen

Viele halten SCOs für eine Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Tatsächlich begann die Geschichte des Self-Checkouts schon vor mehr als sechzig Jahren in der Schweiz. Bereits 1965 eröffnete die Migros einen Pilot-Store, der seiner Zeit Jahrzehnte voraus war.

Während die Beatles und die Rolling Stones die Musikwelt prägen und Computer noch ganze Räume füllen, beginnt in einer Migros-Filiale im Züricher Stadtteil Wollishofen eine kleine Revolution: Kundinnen und Kunden sollen ihre Einkäufe selbst registrieren. Nicht mit einem Barcode-Scanner, denn den gibt es noch nicht. Auch Touchscreens oder Computer sucht man vergeblich. Stattdessen steht vor ihnen eine mechanische Tastatur. Die Preise werden von Hand eingegeben. Die Migros nennt das System Selbsttipp-Kassen.

Kundin nutzt 1965 eine Selbsttipp-Kasse der Migros – einer der ersten Self-Checkout-Prozesse im Einzelhandel.

Der eigentliche Self-Checkout-Prozess: Die Kundin erfasst ihre Einkäufe eigenständig an der Selbsttipp-Kasse.

Ein Experiment mit Pioniergeist

Der Ablauf war erstaunlich einfach.

Die Kundinnen und Kunden kauften wie gewohnt im Selbstbedienungsladen ein. Anschließend gingen sie jedoch nicht direkt zu einer klassischen Kasse. Stattdessen addierten sie ihre Einkäufe selbst an einer der Selbsttipp-Kassen. Erst mit dem selbst erstellten Bon wurde an einer separaten Zahlkasse bezahlt.

Kundin entnimmt 1965 den Kassenbon an einer historischen Selbsttipp-Kasse der Migros.

Nach der manuellen Eingabe aller Waren erhielten die Kunden ihren Bon.

 

Historische Zahlkasse der Migros von 1965 im Anschluss an die Selbsttipp-Kassen während des ersten Self-Checkout-Pilotprojekts.

Nach der selbstständigen Warenerfassung bezahlten die Kundinnen und Kunden den Gesamtbetrag an einer separaten Zahlkasse.

Kontrollen? Fehlanzeige.

Über dem neuen Kassenbereich hing ein Schild mit einer bemerkenswerten Botschaft:

Historisches Schild „Vertrauen gegen Vertrauen“ der Migros aus dem Self-Checkout-Pilotprojekt von 1965.

Das Leitmotiv des Pilotprojekts: Die Migros setzte 1965 bewusst auf das Vertrauen ihrer Kundinnen und Kunden.

Die Migros setzte vollständig auf die Ehrlichkeit ihrer Kundschaft. Ein mutiger Schritt und ein außergewöhnliches Experiment.

Das Bild aus der Geschichte des Self-Checkouts zeigt die Einweisung einer Kundin in die Bedienung einer Selbsttipp-Kassen in der Migros Testfiliale im Jahr 1965.

Mitarbeitende der Migros erläutern einer Kundin die Bedienung der neuen Selbsttipp-Kassen – ein frühes Beispiel für aktive Kundenbegleitung

Es funktioniert…

Die Resonanz war überraschend positiv.

Schon nach kurzer Zeit nutzten rund zwei Drittel der Kundschaft die neuen Selbsttipp-Kassen. Viele Besucher waren neugierig, manche zunächst skeptisch. Aussagen aus Fernsehinterviews von damals klingen erstaunlich vertraut:

„Man muss sich zuerst daran gewöhnen.“

Ein Satz, den man auch heute noch regelmäßig hört, wenn neue Self-Checkout-Systeme eingeführt werden.

Der entscheidende Haken

Doch schon bald zeigte sich ein Problem, das den Handel bis heute begleitet: Sobald Kundinnen und Kunden ihre Einkäufe selbst erfassen, entstehen Fehler. Manche versehentlich, manche aus Unachtsamkeit und manche bewusst.

Die Folge waren erhebliche Inventurdifferenzen.

Zunächst reagierte die Migros mit Stichproben. Später wurden schließlich sämtliche Einkäufe kontrolliert.

Damit ging jedoch genau der Vorteil verloren, den das System eigentlich schaffen sollte: Ein schnellerer und einfacherer Bezahlvorgang. Nach vier Jahren wurde das Pilotprojekt beendet.

Experimenteller Kassenbereich der Migros mit mehreren Selbsttipp-Kassen während des Self-Checkout-Pilotprojekts von 1965.

Die Migros richtete bereits 1965 einen kompletten Kassenbereich mit mehreren Selbsttipp-Kassen ein.

Warum die Geschichte des Self-Checkouts bis heute aktuell ist

Wer heute an einem modernen Self-Checkout bezahlt, begegnet im Grunde derselben Idee wie 1965.

Die Ziele sind unverändert:

  • kürzere Warteschlangen,
  • mehr Komfort,
  • Entlastung des Personals.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Technologie.

Barcode-Scanner, Gewichtskontrollen, elektronische Artikeldaten, Computer Vision und Künstliche Intelligenz helfen heute dabei, Fehler zu vermeiden und Manipulationen zu erkennen. Das Grundprinzip ist jedoch dasselbe geblieben.

Mein Fazit

Die Geschichte des Self-Checkouts zeigt eindrucksvoll, dass gute Ideen manchmal Jahrzehnte auf die passende Technologie warten müssen.

Nicht das Konzept des Self-Checkouts war das Problem. Vielmehr fehlten damals die technischen Möglichkeiten, um das notwendige Gleichgewicht zwischen Vertrauen, Benutzerfreundlichkeit und Verlustprävention dauerhaft sicherzustellen.

Gerade deshalb verdienen die Pioniere von 1965 großen Respekt. Sie wagten einen Schritt, der den modernen Einzelhandel nachhaltig geprägt hat.

Die Geschichte des Self-Checkouts begann nicht erst in den 1990er-Jahren. Sie begann bereits 1965 – in der Schweiz.

P.S.: Wer den ersten Migros-Store mit SCOs einmal „besuchen“ möchte, dem empfehle ich zwei Videos aus dem Jahr 1965:

Video des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): SRF-Video auf YouTube
Video des Hessischen Rundfunks: Historischer Beitrag in der HR-Mediathek

 

Interesse an diesem spannenden Thema? Kontaktieren Sie mich gerne über LinkedIn (einfach hier auf mein Bild klicken) oder über meine Homepage: https://dr-rainer-eckert.de/.

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Kategorie: Technologien
Schlagworte: Barrierefreiheit, Einzelhandel, Geschichte des SCO, Künstliche Intelligenz, Migros, Mitarbeitende, Retail Innovation, SCO, Self-Service
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